Archiv für November 2014

Bericht zur „Einwohnerversammlung“ in Unterwellenborn vom 13.11.2014

Seit dem 07.11.2014 leben 19 syrische Flüchtlinge in einem ehemaligen Teil des Bildungszentrums (BZ) Unterwellenborn. Diese Situation sorgt bei etlichen Unterwellenborner_innen für Unmut und selbstverständlich hatten viele von ihnen noch Fragen. Um diese zu klären, um Informationen und Hintergründe zu vermitteln und um Verständnis für die neuen Nachbarn zu werben, veranstaltete der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt eine „Einwohnerversammlung“ in der Aula der Regelschule Unterwellenborn. Diesem Aufruf folgten ca. 300 Personen, darunter auch einige der syrischen Flüchtlinge. Dass gerade diese Teilnehmer die Veranstaltung frühzeitig verließen, da sie die negative Grundstimmung ihnen gegenüber sehr wohl bemerkten, ist bezeichnend für den Abend. So fielen z.B. Äußerungen wie: „Was wollen DIE (Flüchtlinge) denn hier bei der Einwohnerversammlung?“, um nur ein konkretes Beispiel dieser Ablehnung zu nennen.
Es kamen nicht nur Einwohner_innen, die sich informieren und austauschen wollten, sondern vor allem solche, die einfach mal ihren Frust oder ihre kruden Thesen über angebliche „Marionetten“ in der Lokalpolitik rauslassen wollten. Eine schaurige Mischung aus „empörten Bürger_innen“, Verschwörungstheoretikern und eben auch (organisierten) Nazis. Daran schien sich bei so einem Thema jedoch niemand zu stören und so redete sich der Mob selbst in Rage. Die Personen, die ihre hinter scheinbarer Kritik versteckten rassistischen Phrasen artikulierten, ernteten zustimmenden Applaus von der Volksgemeinschaft – ganz im Gegenteil zu den wenigen Kritiker_innen dieser Äußerungen. Die Veranstaltung war von Anfang an unsachlich und eine Diskussionskultur war praktisch nicht vorhanden. Der Landrat bemühte sich zwar um Sachlichkeit und versuchte mit Argumenten zu punkten, aber die Anwesenden waren zu unhöflich sich diese anzuhören und zu verblendet um darüber nachzudenken. Der Gipfel der Dreistigkeit war der Rauswurf eines jungen Mannes, der den Mut aufbrachte und mit harschen Worten die Anwesenden als das bezeichnete, was sie sind: „Scheiss Rassisten!“.

Ein trauriger Tag in einem traurigen Ort. Jedoch war diese Veranstaltung nur ein Teil der ekelhaften Ereignisse, die sich in den letzten Wochen in Unterwellenborn zutrugen (dazu bald mehr in den Chroniken rechter Gewalt).

Es heißt weiterhin Augen auf und Rassismus eine Abfuhr erteilen!

MDR-Bericht aus Rudolstadt

Ein guter Einblick zur aktuellen Situation im „weltoffenen“ Rudolstadt…

Rudolstädter gegen geplantes Flüchtlingsheim

In der Oststraße in Rudolstadt soll im nächsten Jahr ein Flüchtlingsheim entstehen. Die Anwohner sind davon gar nicht begeistert, obwohl das Heim noch keine beschlossene Sache ist.

Hier geht es zum Video

Deutsche Zustände…

Schon am Tag der Ankunft der geflüchteten Menschen kam es, wie schon kurz in einem anderen Beitrag erwähnt, zu Pöbeleien, Beleidigungen und Beschimpfungen durch Rassist_innen und ,,empörte“ Bürger_innen. Man schrie den Flüchtlingen entgegen ,,sie sollten doch dahin zurück wo sie herkommen“. Oder man strafte sie schlicht mit Blicken, die sie deutlich spüren liesen, dass sie weder willkommen, noch erwünscht sind.
Diese Zustände finden wir einfach widerwärtig! Menschen die hier Schutz suchen werden verachtet und beleidigt und müssen nun einmal mehr Angst um ihre physische und psychische Unversehrtheit haben.

Wegschauen hilft hier nicht! Dieser Menschenverachtung muss offensiv begegnet werden, damit die Angreifenden merken, dass ihre Einstellung nicht von Anderen geteilt wird und, dass sie nach und nach immer mehr Widerspruch bekommen und vielleicht irgendwann ihr Maul halten.

Darum fordern wir ALLE auf, rassistische, menschenverachtende Kommentare, Sprüche und Gesten NICHT zu überhören oder zu übersehen, sondern sich aktiv gegen eben diese zu stellen!

Ob im Kaufland, in der Kneipe oder auf der Straße – Rassisten_innen bloßstellen und mit Argumenten glänzen! Für mehr Aufklärung in der Provinz! Ahoi!

Willkommensfest in Unterwellenborn – OTZ Artikel

Die OTZ hat einen netten Artikel zum Willkommensfest am vergangenen Samstag in Unterwellenborn veröffentlicht:

Flüchtlinge in Unterwellenborn: „Zu Hause? Da ist Krieg!“

Bündnis für Menschenrechte und Einwohner von Unterwellenborn begrüßen erste Syrer mit einem Willkommensfest

Willkommensfest in Unterwellenborn am 08.11.2014
Ein Willkommen für die ersten syrischen Flüchtlinge in Unterwellenborn: Bis zum späten Nachmittag kamen Unterwellenborner vorbei, um die neuen Nachbarn zu begrüßen. Foto: Sabine Bujack-Biedermann

Unterwellenborn. Die jungen Männer, die im Sonnenschein auf dem Parkplatz gleich neben der Unterwellenborner Gemeindeverwaltung stehen, grüßen mit „Hallo“, „Guten Tag“ und einem Lächeln. Erst für den nächsten Satz der Konversation muss zu Englisch gewechselt werden – so gut ist ihr deutscher Sprachschatz noch nicht.

Die 19 Syrer kamen am Freitag in Unterwellenborn an und sind gegen den Widerstand der Gemeinde im ehemals von der Bildungszentrum Saalfeld GmbH (BZ) genutzten und seit Monaten leer stehenden Gebäude einquartiert worden. Nach einer ersten Suppe zur Begrüßung steigt am Samstagvormittag ein Willkommensfest, organisiert vom sich gerade formierenden Bündnis für Menschenrechte im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, vor allem vom Grenzenlos e.V.

„Eine super Idee“, findet Peggy Franke. Die Röblitzerin ist mit Freundinnen „Tee, Kaffee, Obst und den Kindern“ gekommen, weil sie „schockiert ist von der negativen Berichterstattung“. Anja Ungelenke, ebenfalls aus Röblitz, fragt: „Wieso sollen wir denn die Türen verschließen? Wir haben doch genug hier in Deutschland!“

Eigener Augenschein statt fehlender Informationen
Franziska Schultheiß fügt mit Blick auf die Auseinandersetzungen um die Gemeinschaftsunterkunft in Katzhütte hinzu: „Wir haben schon schlechte Erfahrungen im Landkreis gemacht, nun können wir ein Beispiel geben, wie es anders geht.

Über gegenteilige Ansichten zur Aufnahme der Flüchtlinge berichtet Martin Spitzner, der kommissarische Heimleiter: „Am Donnerstag waren alle Schlösser von außen mit ­Epoxidharz verschmiert.“ Außerdem sei die Unsicherheit bei den Unterwellenbornern groß, weil Informationen fehlten, berichtet Ortsbürgermeister Wolfgang Kaminsky (CDU). Zum Willkommensfest ist er dabei, um sich selbst ein Bild zu machen, und mit ihm Peter Girnuweit, eine Kaffeemaschine und Filtertüten unterm Arm.

„Warum hat uns keiner gesagt, was hier alles fehlt, es gibt noch nicht mal Besteck“, wundert sich Monika Kraus. Die Rentnerin, die erzählt, wie freundlich sie die jungen Syrer in ihren Zimmern begrüßt haben, hätte gern selbst etwas beigesteuert. Jessica und Marion Müller pflichten ihr bei: „Es ist doch gut, dass das Haus nicht mehr leer steht.“

Kaffee, Kuchen und drei Bälle

Schnell sind die Tische im Freien gut gefüllt: Kuchen, Obst, Getränke, Brot, es ist alles da für ein gutes Frühstück. Einer der Syrer schaut skeptisch auf zwei Schalen mit Brei und bekommt erklärt, das sei Hummus, Kichererbsbrei, selbst zubereitet, als Erinnerung für sie an zu Hause. „Deutscher Hummus?“ Die jungen Männer finden das sehr lustig.

Doch spricht man sie auf ihre Heimat an, dann verdunkelt sich ihr Blick: „War! – Krieg!“

Peter Girnuweit macht ihnen Mut. Die Unterwellenborner seien gastfreundlich, sagt der 68-Jährige, dessen Eltern aus Ostpreußen vertrieben wurden. Er kam vor 35 Jahren in den Hüttenort und habe „heute hier die besten Freunde“. Außerdem gibt er zu bedenken, dass in der Maxhütte „viele Ausländer gearbeitet haben“. Deswegen könne er „nicht verstehen, wo unsere Bürgermeisterin ist.“ Bürgermeisterin Andrea Wende (FW) sagt auf OTZ-Anfrage, sie habe nichts gewusst von dem Begrüßungsfest.

Um die Ortskenntnisse der Neu-Unterwellenborner kümmerten sich unterdessen die Gastgeber. Ein paar junge Leute gingen mit ihnen einkaufen, brachten drei Bälle mit, und beim Fußball- und Volleyballspiel fielen die letzten Verständigungsschranken.

Bis es dunkel wurde, ging das Begrüßungsfest. Auch am Nachmittag hielt der Nachschub gegen den Hunger und Durst von den aufmerksamen Unterwellenbornern an.

von Sabine Bujack-Biedermann, 11.11.2014

Willkommensfest in Unterwellenborn am 08. November 2014

Schon am Freitag, dem 07.11.14, hießen verschiedene Menschen die 19 Neuankömmlinge an der neuen Unterkunft für Geflüchtete in Unterwellenborn willkommen. Darunter u.a. Marko Wolfram, Landrat des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt sowie Pressevertreter und auch Jugendliche.

welcome cake

Bei einem großen Topf Suppe, gekocht von Berufsschüler_innen aus der Region, und Kuchen kamen die Leute schnell ins Gespräch. Schnell wurde deutlich, dass die Flüchtlinge froh darüber sind, dass sich andere für sie interessieren und Unterstützung anbieten. Nach dem Kennenlernen führten ein paar Ortskundige die angekommenen Menschen durch ihren neuen Wohnort, zeigten ihnen die Einkaufsmöglichkeiten und erklärten die öffentlichen Verkehrsmittel. Bei dieser Rundführung begegneten wir schon ersten rassistischen Trotteln, die meinten, sie müssten die Flüchtlinge beschimpfen. Nichts Neues, nicht überraschend, dennoch widerlich.

Das Willkommensfest begann am darauf folgenden Samstag um 10 Uhr und endete gegen 17 Uhr. Einige interessierte Nachbar_innen folgten der Einladung des „Bündnis für Menschenrechte im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt“ und besuchten die Unterkunft. Die OTZ und der Bürgermeister Unterwellenborns waren ebenfalls anwesend und verschafften sich ein Bild von der Lage. Die Stimmung war sehr herzlich, locker und entspannt. Besucher– und Unterstützer_innen kamen mit den Geflüchteten in Kontakt. Teilweise vorhandene Sprachbarrieren wurden durch Körpersprache und gemeinsames Volleyball- und Fußballspielen überwunden.

Die Geflüchteten waren sehr glücklich darüber, dass Leute kamen, um sie willkommen zu heißen. Auch wir freuten uns sehr, dass einige Menschen dem Aufruf folgten und mit Kuchen, Keksen, Obst und Säften vorbei kamen. Weiterhin wurde oft nachgefragt, wie die Flüchtlinge unterstützt werden könnten und an welchen wichtigen Gebrauchsgegenständen es in der Unterkunft mangele bzw. was noch benötigt werde.
Es war schön zu sehen, dass es auch in Unterwellenborn und Umgebung Menschen gibt, denen das Wohlergehen der Geflüchteten am Herzen liegt. Den Flüchtlingen wurde deutlich, dass es in ihrem neuen Umfeld nicht nur Bürger_innen mit Vorurteilen und rassistisch aufgeladener Meinung gibt, sondern eben auch Menschen, die Lust haben, sich mit ihnen auseinander zu setzen und sie zu unterstützen.

Obwohl wir einen schönen Tag miteinander verbrachten, bleibt ein bitterer Beigeschmack: Die Auswirkungen rassistischer Meinungsmache im Vorfeld äußerten sich nicht nur in spontanen Pöbeleien aus einigen vorbeifahrenden Autos. Die Tatsache, dass sich mehrfach Nazis in unmittelbarer Umgebung herumtrieben und dabei gezielt Fotos von Anwesenden machten, ist uns nicht entgangen. Dies zeigt uns, dass mit dem Leben einer Willkommenskultur – die eigentlich selbstverständlich sein sollte! – allein, unser antifaschistisches Engagement noch nicht zu Ende sein kann.

In der nächsten Zeit wird es noch weitere Aktionen geben, denn Integration passiert nicht von heute auf morgen. Im Gegenteil: sie verlangt Zeit und vor allem ein soziales Umfeld, dass diese durch Offenheit und Interesse ermöglicht. Dies zu schaffen ist unser aller Aufgabe, damit rassistischer Hetze, sowie anderen menschenverachtenden Denkweisen endlich Einhalt geboten und allen Menschen ein Leben in Würde ermöglicht wird!

Das Willkommensfest am Samstag war der erste erfolgreiche Schritt in diese Richtung.

Vielen Dank an alle Besucher- und Unterstützer_innen!