Archiv für Januar 2016

Auf dass Auschwitz nie wieder sei.

In Gedenken an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor genau 71 Jahren fanden sich heute knapp 20 Menschen in Saalfeld zu einem Mahngang durch die Stadt ein. Dabei ging es an verschiedene Orte, an denen die faschistische Barberei der Nationalsozialisten das jüdische Leben in Saalfeld auslöschte. An Stolpersteinen in der Langen Gasse und der Wielandstraße, sowie am ehemaligen Kaufhaus Inko in der Saalstraße, dem Markt und dem Denkmal an den Todesmarsch durch Saalfeld auf dem Graben wurden Kerzen angezündet und weiße Rosen nieder gelegt.

Holocaustgeedenken Lange Gasse Saalfeld

An Passant_innen wurde dabei folgendes Flugblatt verteilt:

Erinnerung an die Verbrechen in Saalfeld zur Zeit des Nationalsozialismus

Was passiert wenn Zivilisation zusammenbricht und die Barbarei Einzug hält lehrte uns Deutschland in der Mitte der 1930er Jahre. Die NSDAP war ihrerzeit keine kleine Verbrechergruppe die Deutschland schlagartig überfiel, sonder sie war eine Volkspartei. Der Nationalsozialismus ging nicht von einer kleinen Personengruppe aus, er war vom Volk getragen und gestützt. Deutschland wurde nicht von einer Mörderbande unterdrückt, es war ein einziges Mordkollektiv. Auch die Saalfelder trugen ihren Teil dazu bei das die Todesfabrik lief.
Neben zahlreichen Rüstungsbetrieben und der Ernennung Adolf Hitlers zum Ehrenbürger der Stadt bekamen auch die in Saalfeld lebenden Juden schnell zu spüren, das nun ein anderer Wind wehte.

In Saalfeld leben seit dem 14. Jahrhundert jüdische Menschen. Sie bildeten eine Gemeinde und wahrscheinlich gab es auch eine Synagoge, zumindest aber einen Betsraum in einer Privatwohnung. Jedoch wurden sie im Zuge der Pestpogrome 1348/49 aus Saalfeld vertrieben. Einige kehrten Jahre später wieder zurück.

Um 1910 lebten ca. 60 Juden in Saalfeld, 1933 nur noch 33 von ihnen. In den folgenden Jahren ist ein Teil auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. In der „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 wurden neun jüdische Männer inhaftiert. 1939 emigrierten zwei Familien, vier weitere wurden deportiert. 14 jüdische Menschen blieben noch übrig. Alles in allem wurden ein dutzend Familien aus antisemitischen Gründen erniedrigt und verfolgt. Vier jüdische Menschen wurden nachweislich in Vernichtungslagern ermordet, acht weitere sind in Belzyce oder Theresienstadt verschollen. 16 weitere wurden vertrieben und 13 Schicksale sind unklar. Von den 12 jüdischen Geschäften die vor 1933 in Saalfeld existierten blieb nach dem Boykott kein einziges mehr übrig. Doch wie ist das im Einzelnen abgelaufen?

Dr. Ernst Ruppel war Besitzer der Fabrik ,,Auerbach und Scheibe“ (Heute SAMAG), er musste seine Fabrik aufgrund der „Rassegesetze“ an Menschen abgeben, die nach der Definition der Nationalsozialisten „arisch“ waren. Die neuen Besitzer wurden der gebürtige Saalfelder Herr Starcke und der Träger des goldenen Parteiabzeichens Hans Helmut Wilkens. Zudem übernahm die Deutsche Arbeitsfront 1933 die Nachfolge der verbotenen Gewerkschaften. Die Mitgliedschaft war für alle Arbeiter verpflichtend. „Auerbach und Scheibe“ galt als „NS-Musterbetrieb“. Sie wurde ein bedeutender Zulieferer der Rüstungsindustrie. In der NS-Zeit schuffteten bei ,,Auerbach und Scheibe“ ca. 150 Zwangsarbeiter.

Ähnlich erging es Eugen Salinger. Er war einer der beiden Eigentümer der in der Saalstraße ansäßigen Modefirma „Becker und Salinger“ (ehemaliges „Kaufhaus Inko“). Die Verfolgung aufgrund seines jüdischen Glaubens begann ebenfals 1933 und er musste sich aus der Firma zurückziehen und ein NSDAP-Mitglied übernahm die Geschäftsführung. Zudem führte sein „arischer“ Ex-Partner Otto Becker das Unternehmen weiter. Ab 1934 wehte auch bei ,,Becker und Salinger“ die Hakenkreuzfahne.

Ein weiters jüdisches Geschäft in Saalfeld war das Schuhgeschäft von Leopold und Fanny Katz, dass seit 1930 direkt am Markt in Saalfeld zu finden war. Die Familie wurde kontinuierlich attackiert und schließlich zur Aufgabe ihres Geschäftes gezwungen. Leopold und Fanny Katz wurden, wie vorhin schon erwähnt, deportiert und im KZ Theresienstadt ermordet.

Der Jude Gustav Steinberger besaß ein Geschäftshaus am Kirchpaltz in Saalfeld, er wurde 1938 bei den Pogromen verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Er wurde jedoch 1939 freigelassen und konnte aus Deutschland flüchten.

Auch im Saalfelder Elektrizitätswerk trug sich ein ähnliches Szenario zu. Julius Kanter, einer der Anteilseigner galt ebenfals als Jude. Schon 1933 wurde daher zum Boykott der Firma aufgerufen. Er musste schließlich seine Anteile weit unter dem Wert verkaufen und emmigrierte nach Argentinien.

Ebenfalls zur Aufgabe seines Geschäftes gezwungen wurde der als ,,Halbjude“ denunzierte Konditoreibesitzer Fritz Hesse. Seine 1932 eröffnete Eisdiele übernahm ein italienischer Faschist. Er selbst floh nach Leipzig, wurde jedoch verhaftet und Anfang 1945 ins KZ Theresienstadt deportiert.

Doch nicht nur jüdische Unternehmen und deren Besitzer litten unter den Bedingungen, sondern alle Personen jüdischen Glaubens, in der Langen Gasse 29 beispielsweise wohnten:

  • Else Friedmann, Flucht 1939, USA, überlebt
  • Helene Friedmann Flucht 1936, Südafrika, überlebt
  • Hildegard Friedmann, Flucht 1938, Südafrika, überlebt
  • Karl Friedmann, Flucht 1938, Südafrika, überlebt
  • Max Friedmann, deportiert 1944, ermordet in Auschwitz
  • Rosa Friedmann, deportiert 1942, Ghetto Belzyce, ermordet
  • Siegfried Friedmann, deportiert 1944, Auschwitz, überlebt
  • Drei weitere jüdische Menschen lebten in der Wielandstraße 1.

  • Rosa Holländer, verhaftet 1938, ermordet 1939
  • Fanny Katz, deportiert 1942, ermordet 1943 in Theresienstadt
  • Leopold Katz, deportiert 1942, ermordet 1942 in Theresienstadt
  • Das zeigt deutlich, dass es in Saalfeld, wie in allen anderen Orten, Pogrome gab, dass Juden deportiert und ermordet wurden und das der eliminatorische Antisemitismus auch hier von der Bevölkerung mitgetragen wurde.
    Unsere Aufgabe ist es, daran zu erinnen und Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Gerade in Zeiten in denen der Antisemitismus allerorts überkocht und es zu Pogromen und Terrorattacken kommt. In Zeiten in denen sich Juden in euröpäischen Ländern nicht mehr sicher fühlen und zu tausenden nach Israel emmigrieren und in denen dazu aufgerufen wird israelische Produkte zu boykottieren und jede Möglichkeit genutz wird um den jüdischen Staat zu diffamieren sollte man wachsam gegenüber Antisemitismus sein und diesen nicht verharmlosen. Zwar hat sich seine Gestalt gewandelt und er ist nicht immer gleich zu erkennen da er sich hinter Phrasen wie „Israelkritik“ oder Antizionismus versteckt. Am Ende ist es die gleiche widerliche Ideologie wie eh und je und diese gilt es zu bekämpfen.

    Antifaschistisches Jugendbündnis Saalfeld, 27.01.2016

    Quellen:
    http://www.alemannia-judaica.de/saalfeld_juedgeschichte.htm [20.01.2016]
    http://www.xn--jdische-gemeinden-22b.de/index.php/gemeinden/s-t/1711-saalfeld-thueringen [20.01.2016]
    http://wiki-de.genealogy.net/Saalfeld_(Saale)/Stolpersteine [20.01.2016]
    http://saalfeld.otz.de/web/lokal/leben/detail/-/specific/Saalfelder-Juden-enteignet-vertrieben-getoetet-1396039742 [20.01.2016]
    Henning,Dirk: Saalfeld im Dritten Reich. Sutton Verlag, 2010