Rudolstadt: Antifa-Soli und Naziprominenz beim Prozessauftakt gegen Neonazi Felix Reck

Am 28.4.2020 begann der Prozess gegen den Saalfelder Neonazi Felix Reck, dem fünfzehn verschiedene Anklagepunkte vorgeworfen werden. Reck sitzt seit Ende Oktober 2019 in Untersuchungshaft. Die Taten, die ihm in der Anklageschrift vorgeworfen werden, bestehen hauptsächlich aus gewalttätigen Übergriffen auf Antifaschist*innen oder Anhänger*innen des FC Carl-Zeiss Jena. Neben rund 40 Antifaschist*innen sammelten sich vor dem Gericht ein Dutzend Neonazis aus dem Jungsturm-Umfeld, bekannte rechte Schläger aus Saalfeld und Eisenach und führende Mitglieder der militanten „Turonen – Garde 20“.

Rudolstadt Amtsgericht Antifa
Antifaschistische Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt vor dem Amtsgericht (Foto von Sören Kohlhuber)

Pünktlich am Morgen: Hausdurchsuchungen bei Jungsturm-Mitgliedern wegen § 129 StGB
Just am Morgen vor Prozessbeginn gab es Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder des „Jungsturm Erfurt“ wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung (§ 129 StGB). Felix Reck gehört selber zum Jungsturm. Neben Halle, Sondershausen, Erfurt und der Nazi-Scheune in Kirchheim gab es auch Durchsuchungen in Saalfeld, Rudolstadt und Bad Blankenburg. Wie EXIF herausstellte, hielt der Jungsturm in Kirchheim Kampfsporttrainings ab. Einer der Köpfe des Jungsturms, Marco Klingner war neben Felix Reck an den rechten Krawallen in Connewitz 2016 beteiligt (siehe https://exif-recherche.org ).

Recks Unterstützer: Militante Nazis, Turonen-Führungsfiguren und der Jungsturm-Tätowierer
Vor dem Gericht hatten sich schon weit vor Prozessbeginn Recks Saalfelder Unterstützer aus dem Jungsturm-Umfeld in Stellung gebracht und postierten sich wie Türsteher vor dem Eingang. Vorne mit dabei: Eric Holzhey aus Saalfeld, der für mindestens drei Übergriffe mit Reck zusammen verantwortlich ist (siehe http://ajubs.blogsport.de)

Amtsgericht Rudolstadt Eric Holzhey
Eric Holzhey und weitere Reck-Supporter vor dem Amtsgericht Rudolstadt

Als die Antifa-Solidaritätskundgebung schon auf 20-30 Teilnehmer*innen angewachsen war, kam eine weitere Nazigruppe dazu. Darunter waren Kevin Noeske und Maximilian Andreas vom Nationalen Aufbau Eisenach, der sich auch in der Nazi-Kampfsportgruppe Knockout51 um Leon Ringl organisiert. Noeske vereinen mit Reck nicht nur die Nazi-Gesinnung, Kampfsport und der Bezug zur Erfurter Hooliganszene; genau wie Felix Reck in Saalfeld zog Kevin Noeske jahrelang durch Eisenach, griff gezielt Antifaschist*innen an, begang reihenweise politische Sachbeschädigungen und musste sich wegen vierzehn Anklagepunkten vor Gericht verantworten (siehe https://agst.noblogs.org). Mit Noeskes Ankunft gingen dann auch erste Pöbeleien und Provokationen seitens der Nazis los. Gegenüber der Kundgebung zeigte sich dann zunächst alleine der Rudolstädter Nazi und frühere Anhänger der „Anti-Antifa Ostthüringen“, Sebastian Hoffmann, mit einer Bratwurst in der Hand.

Rudolstadt Sebastian Hoffmann
Sebastian Hoffmann checkt die Lage mit Bratwurst

Später fuhr er zusammen mit Maximilian Warstat auf dem Rathausplatz vor, begleitet von Steffen Richter in eigenem Auto. Zwar liefen die grob geschätzten 200.000€ Ticketeinnahmen für das „Rock gegen Überfremdung“ am 15.7.2017 in Themar über Warstats Konto, jedoch fährt er nur einen Mini Cooper, während der Turonen-Kader Steffen Richter einen schwarzen Audi SUV fährt (SLF-T-2015). Maximilian Warstat, Sebastian Hoffmann und Felix Reck hatten 2015 mit weiteren Nazis auf einem Foto für die Anti-Antifa-Ostthüringen posiert, auf dem auch eine Fahne des vor Kurzem verbotenen, rechtsterroristischen Netzwerk „Combat 18“ gezeigt wurde (https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com). Reck und Warstat hatten sich auch 2016 zusammen an den rechten Krawallen in Leipzig-Connewitz beteiligt (siehe http://ajubs.blogsport.de).

Amtsgericht Rudolstadt Maximilian Andreas, Kevin Noeske, Maximilian Warstat, Sebastian Hoffmann, Steffen Richter
Die Eisenacher Maximilian Andreas (3.v.l.) und Kevin Noeske (4.v.l.), Maximilian Warstat (Mitte), und Steffen Richter (1.v.r.) aus Saalfeld und Sebastian Hoffmann (2.v.r.)

Neben der Saalfelder Führungsfigur der Turonen erschien auch der Ballstädter Kopf der Turonen, Thomas Wagner, der sich als Haupttäter für den brutalen Überfall auf die Ballstädter Kirmesgesellschaft 2014 verantwortlich erklärte (siehe https://ballstaedt2014.org). Wagner fährt einen schwarzen VW SUV mit dem Kennzeichen MHL-T-20. Genau wie Richter trug Wagner seine Turonen-Kleidung zur Schau. Wagner fuhr Recks Verteidiger, Dirk Waldschmidt, zum Gericht. Waldschmidt ist bundesweit als Verteidiger militanter Neonazis unterwegs. Er begleitete unter anderem den mutmaßlichen NSU-Unterstützer André Kapke als Zeugen im NSU-Prozess oder vertrat kurzzeitig den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke, Stefan Ernst. Waldschmidt kandidierte jedoch auch schon selber für die NPD oder hielt Schulungen für den 3. Weg ab (siehe https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com).

Thomas Wagner und Dirk Waldschmidt
Thomas Wagner und Dirk Waldschmidt

Wagner hatte noch einen Begleiter dabei und beide machten angesichts der Antifa-Kundgebung sofort kehrt und fuhren davon, während Waldschmidt ins Gericht ging. Wagners öffentlichkeitsscheuer Begleiter: Matthias Melchner, früheres Mitglied der Kameradschaft Zella-Mehlis.

Matthias Melchner
Matthias Melchner aus der Schweiz begleitete Turonen-Kader Thomas Wagner

Melchner fiel nach seinem Wegzug in die Schweiz als Mitorganisator des riesigen Rechtsrockkonzerts in Unterwasser im Oktober 2016 auf (siehe https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com).

Steffen Richter, Matthias Melchner, Thomas Wagner
Steffen Richter, Matthias Melchner, Thomas Wagner (Bild 2016, von Thüringen Rechtsaußen)

Während seiner Arbeit beim dort ansässigen „Barbarossa Tattoo“ warb Melchner über Facebook für Spenden für Wagner und seine Mittäter beim Überfall von Ballstädt. Melchner kam aber auch zum Tätowieren ins „Gelbe Haus“ nach Ballstädt zu Besuch (siehe https://www.antifa.ch). Dabei dürfte Melchner auch Mitglieder des Jungsturm Erfurt tätowiert haben, wie Bilder von der Barbarossa-Seite nahelegen:

Barbarossa Tattoo Jungsturm KEF November 2015
Jungsturm-Mitglieder ließen sich 2015 mutmaßlich in Ballstädt ihr Gruppenlogo von Matthias Melchner tätowieren

Die Präsenz von Steffen Richter und Thomas Wagner, den zentralen Drahtziehern der Turonen und bekannten Aktivisten aus den militanten Netzwerken um Blood&Honour, deutet darauf hin, wie eng Felix Reck mit diesen Kreisen vernetzt ist. Schon im Juli 2017 war er Teil der maßgeblich aus Mitgliedern der Turonen zusammengesetzten Aufbautruppe des Festivals in Themar (siehe https://agst.noblogs.org). Und auch mit Mandatierung von Dirk Waldschmidt als Verteidiger stellt sich Reck in eine Reihe mit den militanten Nazis vom „Aktionsbüro Mittelrhein“, dem NSU-Umfeld, den Ballstädt-Schlägern oder dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder.

Verhandlung: Fünfzehn Anklagepunkte alleine aus 2017 bis 2019
Zur Verhandlung war die Öffentlichkeit auf 13 Plätze beschränkt worden. Von diesen nahmen die Hälfte Felix Recks lokale Unterstützer um Eric Holzhey ein. Reck wurden auf Antrag seiner Verteidigung Fuß- und Handfesseln abgenommen. Er trug während der Verhandlung ein Shirt der Cottbusser Neonazimarke Label 23. Die Anklage gegen ihn umfasst fünfzehn einzelne Tatvorwürfe, wovon die Mehrzahl Angriffe und Bedrohungen gegen Anhänger*innen des FC Carl-Zeiss Jena und gegen Antifaschist_innen sind. Darüber hinaus werden ihm verschiedene rechte Schmierereien und andere Sachbeschädigungen sowie der Besitz illegaler Waffen und Pyrotechnik vorgeworfen. Hierbei muss festgehalten werden: Antifaschist*innen haben aus demselben Zeitraum weitere Angriffe veröffentlicht, bei denen Eric Holzhey als Mittäter auf der Anklagebank sitzen würde. Diese sind jedoch nicht Bestandteil der Anklage. Zum Verhandlungsauftakt kamen zwei Fälle aus der Anklage zur Sprache: Der Überfall auf Jenaer Fans auf einer Saalfelder Bowlingbahn und der Angriff auf einen jungen Mann, den Recks Verteidiger ebenfalls als Jena-Fan einordnen wollten. Bei dem Überfall vermummter Erfurt-Hools will Reck nicht dabeigewesen sein. Zwei Betroffene beschrieben den Überfall aus ihrer Perspektive, einer von ihnen wurde von der Angreifern bewusstlos geprügelt. Die Zeug*innen berichteten außerdem, dass sie von der eintreffenden Polizei nach dem Überfall gesagt bekommen hätten, dass sie selbst schuld seien.

Vor dem Gericht blieben bei guter Stimmung und Musik während der Verhandlung dauerhaft 20-30 Antifaschist*innen und informierten die Passant*innen in der Fußgänger*innenzone über den Hintergrund der Kundgebung und die Notwendigkeit antirassistischer und antifaschistischer Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt.

Amtsgericht Rudolstadt Antifa
Antifa-Solikundgebung vor dem Amtsgericht (Foto von Sören Kohlhuber)

Die nächsten Verhandlungstage gegen Felix Reck sind für den 18.5.2020, den 26.05.2020 und den 08.06.2020 ab 9.30 Uhr angesetzt. Eine antifaschistische Kundgebung ist ab 8.30 Uhr vor dem Gericht geplant.