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MDR Beitrag: Thüringer „Jungsturm“: Enge Verbindungen ins „Blood and Honour“-Netzwerk

Wir dokumentieren einen Beitrag vom MDR Thüringen

Die Thüringer Neonazi-Hooligan-Gruppe „Jungsturm“ besitzt offenbar engere Verbindungen zum rechtsextremen „Blood and Honour“-Netzwerk als bisher bekannt. Das haben Recherchen des Magazins „FAKT“ ergeben.

Fotos, die „FAKT“ vorliegen, zeigen „Jungsturm“-Mitglieder gemeinsam mit bulgarischen Neonazi-Hooligans, die der Gruppierung „Animals Sofia“ angehören. Darunter ist auch der Rechtsextremist Orlin P. Er soll nach FAKT-Recherchen der Kontaktmann der Thüringer Neonazi-Hooligan-Gruppe in das internationale militante Neonazi Netzwerk sein. „Blood and Honour“ ist in Deutschland verboten.

Auch Kontakte zur verbotenen Gruppe „Combat 18″
Orlin P. soll gute Kontakte zu internationalen Kadern von „Blood & Honour“ und dessen bewaffneten Arm „Combat 18″ pflegen. Treffen zwischen P. und deutschen „C18″-Kadern sollen unter anderem beim Neonazi-Festival im sächsischen Ostritz 2018 stattgefunden haben. Die Gruppe „Combat 18″ wurde in Deutschland Ende Januar 2020 vom Bundesinnenministerium verboten.

Der Autor und Hooligan-Experte Robert Claus sagte gegenüber dem ARD Magazin: „Die große Gefahr der Kontakte des ‚Jungsturms‘ zu einem Netzwerk wie ‚Blood and Honour‘ liegt darin, dass eine solche Verbindung letztendlich auf Rechtsterrorismus hinauslaufen könne.“ Extrem rechte Ideologie sei immer gewalttätig und eine Gruppierung wie „Jungsturm“ habe das Potential in der rechten Szene zu rekrutieren und zu radikalisieren, so Claus.

„Jungsturm“ soll aus RWE-Fanspektrum stammen

Die Hooligan-Gruppierung, die aus dem Fanspektrum des Fußballvereins FC Rot-Weiß Erfurt stammen soll, gibt es seit 2014. Szenekenner schätzen den harten Kern auf zehn Personen ein mit einem engen Umfeld zu weiteren 30 Personen, darunter viele polizeibekannte Neonazis.

Ermittlungen gegen „Jungsturm“-Mitglieder laufen

Bei Hausdurchsuchungen in Thüringen und Sachsen-Anhalt waren Ende April drei mutmaßliche „Jungsturm“-Mitglieder festgenommen worden, darunter nach „FAKT“-Informationen auch ein preisgekrönter Kampfsportler aus Sachsen-Anhalt. (Anm. Ajubs: Hierbei handelt es sich um den aus Saalfeld stammenden Theo Weiland) Einzelne Mitglieder der Gruppe sollen in den vergangenen Jahren Gewaltstraftaten begangen haben. Gegen sie wird nun wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt.

MDR Beitrag: Rechtsextreme Kampfsportler, Sicherheitsleute und militante Netzwerke

Wir Dokumentieren einen Beitrag vom MDR Thüringen

Nach MDR-Recherchen soll die Thüringer Neonazi-Hooligan-Gruppe „Jungsturm“ enge Verbindungen zum internationalen „Blood & Honour“ Netzwerk haben. Die Hooligan-Gruppe „Jungsturm“ soll demnach zur Fan-Szene von FC-Rot-Weiß Erfurt gehören.

Ende April 2020 – Polizeieinheiten durchsuchen Wohnungen und Objekte in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen. Die Razzia gilt der Thüringer Neonazi-Hooligan-Gruppe „Jungsturm“ aus dem Fan-Spektrum des FC Rot-Weiß Erfurt. Drei Männer werden festgenommen. Darunter ein preisgekrönter Kampfsportler aus Sachsen-Anhalt.

Jürgen Graf von der Polizei Saalfeld sagte dem MDR, bei der Gruppe handle es sich um Männer im Alter von 20 bis 32 Jahren. „Die sind teilweise kampfsporterfahren, sind auch bekannt aus der Vergangenheit durch Gewaltstraftaten, einzelne Mitglieder der Gruppe und auch durch politisch motivierte Kriminalität.“ Den „Jungsturm“-Mitgliedern wird die Gründung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen, sie sollen über Jahre immer wieder Körperverletzungen begangen haben.

Brutale Kämpfe im Wald

Ein Wald irgendwo in Deutschland. Zwei Hooligan-Gruppen haben sich zu einem so genannten „Match“ verabredet – einem Hooligan-Kampf. Die Männer gehen aufeinander zu, stürzen sich aufeinander – eine Massenschlägerei beginnt.
Solche Kämpfe sind, auch wenn sie einvernehmlich geschehen, in Deutschland verboten. Das Video von diesem Kampf liegt dem MDR vor. Es zeigt, wie brutal solche Kämpfe ablaufen. Bei einer der beteiligten Gruppen handelt es sich nach MDR-Informationen um Mitglieder der Thüringer Neonazi-Hooligan-Gruppe „Jungsturm“. Auch die drei Festgenommenen sollen hier zu sehen sein. Einige Mitglieder des „Jungsturms“ arbeiten als Sicherheitsmitarbeiter bei Veranstaltungen, nehmen an Neonazi-Kampfsportturnieren wie dem TIWAZ 2019 teil. Der Kampfsportler aus Sachsen-Anhalt trainiert in seinem Verein sogar Kindergruppen.

Taten mit politischem Hintergrund

Romy Arnold, Sprecherin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Thüringen (Mobit) sagte dem MDR, dass die Sicherheitsbehörden die politische Dimension von Gruppierungen wie dem Jungsturm“ zu oft vernachlässigt hätten, wenn etwa von „Problemfans“ oder Gewalttätern aus dem „Fußballspektrum“ die Rede sei.
„Das lässt völlig außer Acht, dass Mitglieder vom Jungsturm in die deutsche und internationale Neonaziszene verwickelt sind, dass auch die Taten mit einem politischen Hintergrund verübt wurden, beispielsweise der Übergriff auf Connewitz 2016, an dem „Jungsturm“-Mitglieder beteiligt waren und dass „Jungsturm“-Mitglieder in der Neonaziszene sozialisiert worden sind.“

Eine politische Dimension des Thüringer „Jungsturm“ ist tatsächlich kaum zu übersehen. Nach MDR-Informationen unterhält die Gruppe gute Kontakte zu den militanten bulgarischen Neonazi-Hooligans „Animals Sofia“. Ein Foto zeigt sie mit den Rechtsextremen in Bulgarien und Erfurt.
Auch ins internationale Spektrum des in Deutschland verbotenen Neonazi-Netzwerks „Blood & Honour“ und dessen in Deutschland ebenfalls verbotenen bewaffneten Arm „Combat 18″ sollen „Jungsturm“-Mitglieder enge Kontakte pflegen. Wechselseitige Stadionbesuche, Kneipenabende, Familienbesuche – immer wieder taucht auf den Fotos, die dem MDR vorliegen Orlin P. gemeinsam mit „Jungsturm“-Mitgliedern auf. Der bulgarische Neonazi ist nach MDR-Recherchen der Kontaktmann der Gruppe ins internationale Neonazi-Netzwerk.

Der Autor und Hooligan-Experte Robert Claus sagte dem MDR, die große Gefahr in einer Verbindung zwischen einer Gruppe wie dem „Jungsturm“ und „Blood & Honour“ bestünde darin, dass sie letztendlich auf Rechtsterrorismus hinauslaufen könne.

„Extrem rechte Ideologie ist immer gewalttätig. Eine rechtsextreme Hooligan-Gruppe wie der „Jungsturm“ hat das notwenige Gewaltpotential, in dem militante Strukturen der extrem rechten Szene weiter rekrutieren, die Leute auch weiter radikalisieren.“

Robert Claus

Rudolstadt: Antifa-Soli und Naziprominenz beim Prozessauftakt gegen Neonazi Felix Reck

Am 28.4.2020 begann der Prozess gegen den Saalfelder Neonazi Felix Reck, dem fünfzehn verschiedene Anklagepunkte vorgeworfen werden. Reck sitzt seit Ende Oktober 2019 in Untersuchungshaft. Die Taten, die ihm in der Anklageschrift vorgeworfen werden, bestehen hauptsächlich aus gewalttätigen Übergriffen auf Antifaschist*innen oder Anhänger*innen des FC Carl-Zeiss Jena. Neben rund 40 Antifaschist*innen sammelten sich vor dem Gericht ein Dutzend Neonazis aus dem Jungsturm-Umfeld, bekannte rechte Schläger aus Saalfeld und Eisenach und führende Mitglieder der militanten „Turonen – Garde 20“.

Rudolstadt Amtsgericht Antifa
Antifaschistische Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt vor dem Amtsgericht (Foto von Sören Kohlhuber)

Pünktlich am Morgen: Hausdurchsuchungen bei Jungsturm-Mitgliedern wegen § 129 StGB
Just am Morgen vor Prozessbeginn gab es Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder des „Jungsturm Erfurt“ wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung (§ 129 StGB). Felix Reck gehört selber zum Jungsturm. Neben Halle, Sondershausen, Erfurt und der Nazi-Scheune in Kirchheim gab es auch Durchsuchungen in Saalfeld, Rudolstadt und Bad Blankenburg. Wie EXIF herausstellte, hielt der Jungsturm in Kirchheim Kampfsporttrainings ab. Einer der Köpfe des Jungsturms, Marco Klingner war neben Felix Reck an den rechten Krawallen in Connewitz 2016 beteiligt (siehe https://exif-recherche.org ).

Recks Unterstützer: Militante Nazis, Turonen-Führungsfiguren und der Jungsturm-Tätowierer
Vor dem Gericht hatten sich schon weit vor Prozessbeginn Recks Saalfelder Unterstützer aus dem Jungsturm-Umfeld in Stellung gebracht und postierten sich wie Türsteher vor dem Eingang. Vorne mit dabei: Eric Holzhey aus Saalfeld, der für mindestens drei Übergriffe mit Reck zusammen verantwortlich ist (siehe http://ajubs.blogsport.de)

Amtsgericht Rudolstadt Eric Holzhey
Eric Holzhey und weitere Reck-Supporter vor dem Amtsgericht Rudolstadt

Als die Antifa-Solidaritätskundgebung schon auf 20-30 Teilnehmer*innen angewachsen war, kam eine weitere Nazigruppe dazu. Darunter waren Kevin Noeske und Maximilian Andreas vom Nationalen Aufbau Eisenach, der sich auch in der Nazi-Kampfsportgruppe Knockout51 um Leon Ringl organisiert. Noeske vereinen mit Reck nicht nur die Nazi-Gesinnung, Kampfsport und der Bezug zur Erfurter Hooliganszene; genau wie Felix Reck in Saalfeld zog Kevin Noeske jahrelang durch Eisenach, griff gezielt Antifaschist*innen an, begang reihenweise politische Sachbeschädigungen und musste sich wegen vierzehn Anklagepunkten vor Gericht verantworten (siehe https://agst.noblogs.org). Mit Noeskes Ankunft gingen dann auch erste Pöbeleien und Provokationen seitens der Nazis los. Gegenüber der Kundgebung zeigte sich dann zunächst alleine der Rudolstädter Nazi und frühere Anhänger der „Anti-Antifa Ostthüringen“, Sebastian Hoffmann, mit einer Bratwurst in der Hand.

Rudolstadt Sebastian Hoffmann
Sebastian Hoffmann checkt die Lage mit Bratwurst

Später fuhr er zusammen mit Maximilian Warstat auf dem Rathausplatz vor, begleitet von Steffen Richter in eigenem Auto. Zwar liefen die grob geschätzten 200.000€ Ticketeinnahmen für das „Rock gegen Überfremdung“ am 15.7.2017 in Themar über Warstats Konto, jedoch fährt er nur einen Mini Cooper, während der Turonen-Kader Steffen Richter einen schwarzen Audi SUV fährt (SLF-T-2015). Maximilian Warstat, Sebastian Hoffmann und Felix Reck hatten 2015 mit weiteren Nazis auf einem Foto für die Anti-Antifa-Ostthüringen posiert, auf dem auch eine Fahne des vor Kurzem verbotenen, rechtsterroristischen Netzwerk „Combat 18“ gezeigt wurde (https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com). Reck und Warstat hatten sich auch 2016 zusammen an den rechten Krawallen in Leipzig-Connewitz beteiligt (siehe http://ajubs.blogsport.de).

Amtsgericht Rudolstadt Maximilian Andreas, Kevin Noeske, Maximilian Warstat, Sebastian Hoffmann, Steffen Richter
Die Eisenacher Maximilian Andreas (3.v.l.) und Kevin Noeske (4.v.l.), Maximilian Warstat (Mitte), und Steffen Richter (1.v.r.) aus Saalfeld und Sebastian Hoffmann (2.v.r.)

Neben der Saalfelder Führungsfigur der Turonen erschien auch der Ballstädter Kopf der Turonen, Thomas Wagner, der sich als Haupttäter für den brutalen Überfall auf die Ballstädter Kirmesgesellschaft 2014 verantwortlich erklärte (siehe https://ballstaedt2014.org). Wagner fährt einen schwarzen VW SUV mit dem Kennzeichen MHL-T-20. Genau wie Richter trug Wagner seine Turonen-Kleidung zur Schau. Wagner fuhr Recks Verteidiger, Dirk Waldschmidt, zum Gericht. Waldschmidt ist bundesweit als Verteidiger militanter Neonazis unterwegs. Er begleitete unter anderem den mutmaßlichen NSU-Unterstützer André Kapke als Zeugen im NSU-Prozess oder vertrat kurzzeitig den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke, Stefan Ernst. Waldschmidt kandidierte jedoch auch schon selber für die NPD oder hielt Schulungen für den 3. Weg ab (siehe https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com).

Thomas Wagner und Dirk Waldschmidt
Thomas Wagner und Dirk Waldschmidt

Wagner hatte noch einen Begleiter dabei und beide machten angesichts der Antifa-Kundgebung sofort kehrt und fuhren davon, während Waldschmidt ins Gericht ging. Wagners öffentlichkeitsscheuer Begleiter: Matthias Melchner, früheres Mitglied der Kameradschaft Zella-Mehlis.

Matthias Melchner
Matthias Melchner aus der Schweiz begleitete Turonen-Kader Thomas Wagner

Melchner fiel nach seinem Wegzug in die Schweiz als Mitorganisator des riesigen Rechtsrockkonzerts in Unterwasser im Oktober 2016 auf (siehe https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com).

Steffen Richter, Matthias Melchner, Thomas Wagner
Steffen Richter, Matthias Melchner, Thomas Wagner (Bild 2016, von Thüringen Rechtsaußen)

Während seiner Arbeit beim dort ansässigen „Barbarossa Tattoo“ warb Melchner über Facebook für Spenden für Wagner und seine Mittäter beim Überfall von Ballstädt. Melchner kam aber auch zum Tätowieren ins „Gelbe Haus“ nach Ballstädt zu Besuch (siehe https://www.antifa.ch). Dabei dürfte Melchner auch Mitglieder des Jungsturm Erfurt tätowiert haben, wie Bilder von der Barbarossa-Seite nahelegen:

Barbarossa Tattoo Jungsturm KEF November 2015
Jungsturm-Mitglieder ließen sich 2015 mutmaßlich in Ballstädt ihr Gruppenlogo von Matthias Melchner tätowieren

Die Präsenz von Steffen Richter und Thomas Wagner, den zentralen Drahtziehern der Turonen und bekannten Aktivisten aus den militanten Netzwerken um Blood&Honour, deutet darauf hin, wie eng Felix Reck mit diesen Kreisen vernetzt ist. Schon im Juli 2017 war er Teil der maßgeblich aus Mitgliedern der Turonen zusammengesetzten Aufbautruppe des Festivals in Themar (siehe https://agst.noblogs.org). Und auch mit Mandatierung von Dirk Waldschmidt als Verteidiger stellt sich Reck in eine Reihe mit den militanten Nazis vom „Aktionsbüro Mittelrhein“, dem NSU-Umfeld, den Ballstädt-Schlägern oder dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder.

Verhandlung: Fünfzehn Anklagepunkte alleine aus 2017 bis 2019
Zur Verhandlung war die Öffentlichkeit auf 13 Plätze beschränkt worden. Von diesen nahmen die Hälfte Felix Recks lokale Unterstützer um Eric Holzhey ein. Reck wurden auf Antrag seiner Verteidigung Fuß- und Handfesseln abgenommen. Er trug während der Verhandlung ein Shirt der Cottbusser Neonazimarke Label 23. Die Anklage gegen ihn umfasst fünfzehn einzelne Tatvorwürfe, wovon die Mehrzahl Angriffe und Bedrohungen gegen Anhänger*innen des FC Carl-Zeiss Jena und gegen Antifaschist_innen sind. Darüber hinaus werden ihm verschiedene rechte Schmierereien und andere Sachbeschädigungen sowie der Besitz illegaler Waffen und Pyrotechnik vorgeworfen. Hierbei muss festgehalten werden: Antifaschist*innen haben aus demselben Zeitraum weitere Angriffe veröffentlicht, bei denen Eric Holzhey als Mittäter auf der Anklagebank sitzen würde. Diese sind jedoch nicht Bestandteil der Anklage. Zum Verhandlungsauftakt kamen zwei Fälle aus der Anklage zur Sprache: Der Überfall auf Jenaer Fans auf einer Saalfelder Bowlingbahn und der Angriff auf einen jungen Mann, den Recks Verteidiger ebenfalls als Jena-Fan einordnen wollten. Bei dem Überfall vermummter Erfurt-Hools will Reck nicht dabeigewesen sein. Zwei Betroffene beschrieben den Überfall aus ihrer Perspektive, einer von ihnen wurde von der Angreifern bewusstlos geprügelt. Die Zeug*innen berichteten außerdem, dass sie von der eintreffenden Polizei nach dem Überfall gesagt bekommen hätten, dass sie selbst schuld seien.

Vor dem Gericht blieben bei guter Stimmung und Musik während der Verhandlung dauerhaft 20-30 Antifaschist*innen und informierten die Passant*innen in der Fußgänger*innenzone über den Hintergrund der Kundgebung und die Notwendigkeit antirassistischer und antifaschistischer Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt.

Amtsgericht Rudolstadt Antifa
Antifa-Solikundgebung vor dem Amtsgericht (Foto von Sören Kohlhuber)

Die nächsten Verhandlungstage gegen Felix Reck sind für den 18.5.2020, den 26.05.2020 und den 08.06.2020 ab 9.30 Uhr angesetzt. Eine antifaschistische Kundgebung ist ab 8.30 Uhr vor dem Gericht geplant.

Offener Brief zur „Neuen Hitlerjugend“ in Pößneck

Wir teilen hier den offenen Brief der Grünen Jugend Thüringen und halten die Augen offen, was da im Nachbarlandkreis vor sich geht!

Pößneck, den 27.12.2019
Offener Brief zur „Neuen Hitlerjugend“ in Pößneck

Sehr geehrter Herr Minister Maier,
sehr geehrter Herr Minister Lauinger,
sehr geehrter Herr Minister Holter,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Modde,

wir wenden uns aufgrund der Ereignisse in Pößneck während der letzten Monate an Sie. Die neonazistische Gruppierung mit dem Namen „Neue Hitlerjugend“, kurz „NHJ“, war dieses Jahr bereits Thema im Landtag. Auf die Anfrage der Landtagsabgeordneten Madeleine Henfling, wie die Landesregierung die Gruppierung einschätze, antwortete das Innenministerium am 06. November 2019: „Mangels gegenteiliger Informationen geht die Landesregierung davon aus, dass die Gruppe nicht mehr existiert.“ Wir sind äußerst irritiert über diese Aussage, da die Pößnecker Kommunalpolitikerin Anne Rech bereits am 25. Oktober in einem Artikel der Ostthüringer Zeitung anmerkt, dass die Gruppierung weiterhin existiert und sich lediglich umbenannt habe. Wie das Innenministerium zu seiner Einschätzung kommt, erschließt sich uns deswegen nicht. Vielmehr scheint die Landesregierung nur auf Eigenaussagen der NHJ zu vertrauen. Auf eine mündliche Anfrage der Abgeordneten Katharina König-Preuß vom 12. September 2019, welche Maßnahmen gegen die NHJ eingeleitet wurden, antwortete Staatssekretär Götze für das Innenministerium: „Nach eigenen Angaben gegenüber der Polizei soll sich die Gruppierung NHJ aufgelöst haben. Auch die in verschiedenen Kommunikationsplattformen im Internet existierenden geschlossenen Gruppen sollen gelöscht worden sein.“ Wir halten es für äußerst bedenklich, dass sich die Landesregierung nur auf Eigendarstellungen der NHJ zu stützen scheint.

Wenn es stimmen würde, dass sich die NHJ aufgelöst habe, müsste sie ihre Aktivitäten eingestellt haben. Jedoch kam es gegenteilig auch weiterhin zu vielen Vorkommnissen und Bedrohungen seitens der NHJ. Wohnt man im Raum Pößneck und engagiert sich politisch und gesellschaftlich, hat einen Migrationshintergrund bzw. wird von der Gruppierung als nicht „deutsch“ wahrgenommen oder spricht sich gegen die Gruppierung NHJ aus, so muss man mit Bedrohungen und Anfeindungen rechnen. So wird Jugendlichen auf offener Straße der Hitlergruß gezeigt und verfassungsfeindliche Ausrufe wie „Heil Hitler“ oder „Sieg Heil“ werden geäußert. Auch die Androhung, „man würde sich bald in Buchenwald wiedersehen“, ist häufig zu hören. Die Gruppierung hat keine Angst, diese Symbole und Sprüche in der Öffentlichkeit, umgeben von vielen Menschen, zu äußern. Treffen Menschen, die sich kritisch zur NHJ positionieren, allein auf diese, werden sie angespuckt und körperlich bedrängt. Manchmal werden Menschen auch verfolgt und geschubst, bis sie am Boden liegen. Einer Person wurde auf einem Weihnachtsmarkt eine Zigarette in das Gesicht gehalten und diese mit der Frage „Hast du schon mal einen Juden fliegen gesehen?“ abgeklopft. Andere Personen berichten davon, dass mit Flaschen auf sie geworfen wurde und versucht wurde, sie vom Moped zu ziehen.

Menschen, die die Gruppierung als nicht „deutsch“ wahrnimmt und welche die Regelschule West in Pößneck besuchen, berichten von täglichen Anfeindungen in der Schule. So werden sie regelmäßig mit rassistischen und islamfeindlichen Aussagen beleidigt und körperlich bedrängt. Zudem kommt es regelmäßig zu Angriffen der NHJ auf andere Menschen (meist mit Migrationshintergrund) in der Stadt.

Diese Vorkommnisse sind den Lehrer*innen der Schule und der örtlichen Polizei bekannt. Trotzdem hält dieser Zustand an. So berichten mehrere Personen mit Migrationshintergrund von rassistischen Aussagen durch Polizist*innen. Für diese Menschen ist es keine Lösung, die Polizei zu rufen, wenn es zu Auseinandersetzungen mit der NHJ kommt. Die Anzeigen gegen die betreffenden Polizist*innen haben bis jetzt keine Konsequenzen. In einigen Fällen wurden betroffene Personen, als sie Anzeige gegen die NHJ erstatten wollten, abgewiesen und weggeschickt. Auch an der Schule, an der es letzte Woche beispielsweise zu Übergriffen auf zwei syrische Schüler kam und diesen gedroht wurde, sie zu „schlachten“, scheinen die Lehrer*innen entweder nicht helfen zu wollen oder zu können. Nach Berichten von Schüler*innen der Schule wurde einem Schüler mit Migrationshintergrund, nachdem es zu einem Angriff auf der Toilette kam, empfohlen, doch eine andere Toilette zu benutzen. Außerdem wird den Jugendlichen, die Opfer der NHJ sind, geraten, das ganze schweigend zu ertragen. Auch Schüler*innen, die sich gegen Nazis aussprechen und der Gruppierung nicht angehören, werden beleidigt und bedroht.

Wir politisch und gesellschaftlich engagierten Menschen verstehen die Ängste der Pößnecker Bürger*innen und Aktivist*innen im Raum Pößneck und sind erschrocken über das folgenlose Handeln der Gruppierung NHJ. Auch wenn sich diese „offiziell“ nicht mehr so nennt, trifft sie sich an bekannten Plätzen, kann öffentlich verfassungsfeindliche Symbole und Ausrufe äußern und Menschen bedrohen. Es ist ihnen, obwohl sie der Polizei und dem Staatsschutz bereits bekannt sind, weiterhin möglich, sich zu treffen und sich zu organisieren. Es gibt auch Hinweise auf Vernetzungen mit anderen neonazistischen Gruppierungen und Personen, beispielsweise in Kahla und Pößneck.

Wir richten uns an Sie mit der Forderung, endlich alles Mögliche zu tun, damit sich solche Vorkommnisse nicht länger ereignen und alle Menschen in Pößneck ohne Angst vor körperlicher und psychischer Gewalt leben und sich bewegen können. Wir fordern Unterstützung und Beratung der Regelschule, sodass Schüler*innen, mit und ohne Migrationshintergrund, ohne Angst in die Schule gehen können und bei Beleidigungen und Angriffen eine*n Ansprechpartner*in haben. Des Weiteren fordern wir dazu auf, die betreffenden Mitglieder der Gruppierung NHJ endlich zur Verantwortung zu ziehen und dafür zu sorgen, dass es nicht wieder zu Vorfällen wie in der Vergangenheit kommt. Außerdem fordern wir den Bürgermeister der Stadt Pößneck auf, sein Schweigen über die Vorkommnisse zu brechen und ausreichende Maßnahmen gegen Gewalt und Rassismus in Pößneck einzuleiten.

Mit freundlichen Grüßen

GRÜNE JUGEND Thüringen
GRÜNE JUGEND Saale-Orla-Kreis
linksjugend[`solid] Saale-Orla-Kreis

United we stand – Prozessbeginn 2.0

Vor mehr als zwei Jahren, am 9. Januar 2017, kam es zu einem Thügida-Aufmarsch in Saalfeld. Gegen diesen wurden unter dem Motto „Make racists afraid again!“ Gegenproteste organisiert . Im Zuge dessen wurde ein Antifaschist aus Saalfeld-Rudolstadt von der Polizei festgenommen. Der Vorwurf lautete gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch, wie die Rote Hilfe berichtete.

Nachdem der erste Prozesstag am 1. November 2018 noch vor Verlesung der Anklageschrift durch den mittlerweile berühmt-berüchtigten AfD Spender und Staatsanwalt Martin Zschächner verlesen werden konnte, war der Prozess auch schon Vorbei auf Grund mehrerer Anträge der Verteidung des Angeklagten.
Nun geht der Prozess weiter: am Donnerstag, den 11. April 2019 um 9:30 Uhr am Amtsgericht Rudolstadt. Weitere Prozesstage sind am 29. April und am 16. Mai 2019, jeweils um 9:30 Uhr.
Zu den Terminen wird es jeweils eine Kundgebung ab 8:00 Uhr vor dem Gericht geben. Wir rufen zur solidarischen und kritischen Begleitung des Prozesses auf!

Weiterhin gilt es eine breite Öffentlichkeit zu schaffen und Spenden zu sammeln, damit die Prozesskosten gedeckt werden können.

Gespendet werden kann auf folgendes Konto:
Rote Hilfe Südthüringen
IBAN: DE53 4306 0967 4007 2383 53
Verwendungszweck: Saalfeld